"Thüringer Allgemeine" - Unterwegs mit dem Blindenführhund

Heiligenstadt (Eichsfeld). Und plötzlich ist alles dunkel. Rabenschwarz. Ich sehe nichts mehr. Still und verlassen stehe ich auf einem Fußgängerweg. Fast starr. Ich spüre den warmen Atem des Hundes.

Sarah, wie die Golden-Retriever-Dame heißt, steht neben mir. Mit ihrer nassen Nasen duzt sie meine Hand an. Beim ersten Mal zucke ich erschrocken zusammen. Ich besinne mich. Versuche entspannt zu sein. Sie leckt meine Hand ab. Anscheinend ist das eine kleine Kennlernzeremonie ihrerseits. Jetzt spüre ich nichts mehr. Sie scheint geduldig auf einen Befehl zu warten. Denn wir stehen auf einem Bürgersteig in Heiligenstadt. Vermutlich bewegt sie ihren Kopf, denn mal spüre ich den Atem sehr intensiv, dann wieder kaum.

Hans-Reinhard Hupe greift nach meiner Hand. Vorsichtig und behutsam tastet er sie ab. Der seit 1990 erblindete Eichsfelder legt mir die Leine von Sarah in die Hand. Diese fest um das Handgelenk gewickelt, legt mir Hans-Reinhard Hupe noch den Bügel des Geschirrs in die Hand. Er fasst mit an. Schließlich ist Hans-Reinhard Hupe wirklich auf die Hilfe und Unterstützung des Hundes angewiesen. Ich tauche nur für einen kurzen Moment in seine Welt ein. Denn der Blinden- und Sehbehindertenverband Eichsfeld hatte mich im Rahmen meiner Serie dazu eingeladen, einmal zu testen, wie es ist, wenn ich plötzlich nichts mehr sehe. Bereitwillig stimmte ich zu.

Nebengeräusche werden kaum wahrgenommen

Angespannt stehe ich nun neben Hündin Sarah. Ich weiß nicht so recht, was ich machen soll. Ich bin verunsichert. Hans-Reinhard Hupe gibt die Befehle. „Sarah, geh.“ „Sarah, such den Weg.“ Wir setzen uns langsam mit ihr in Bewegung. Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen. Ich habe Angst, dem Hund auf die Pfötchen zu treten. Ich solle ruhig rechts neben der Hündin laufen. Durch die Anspannung gehe ich ganz nah neben Sarah. Ab und an streifen meine Fingerspitzen den Rücken des Tieres. Sie ist bei mir. 

Richtig beruhigt bin ich allerdings nicht. Denn nach wie vor spüre ich meine Unsicherheit. Ich weiß nicht, wo ich hin gehe, was sich vor mir ereignet. Eigentlich müsste ich auf Nebengeräusche achten. Aber in dem Moment fällt es mir sehr schwer. Denn das Unbehagen hat mich fest im Griff. Ich vertraue jetzt einem fremden Menschen und einem Hund. Beide sehe ich zum ersten Mal. Und plötzlich kommt mir der Gedanke, was wäre, wenn das für immer so bleiben würde. Ich bekomme Herzklopfen.

Hans-Reinhard Hupe scheint meine Anspannung zu spüren. Denn vorsichtig schiebt er mich an. Ich solle ruhig weiter gehen, der Hund würde uns führen. „Und wenn der Weg wirklich zu eng ist, dann gehen wir hinter ihr“, sagt er. Das würde er im Alltag auch so machen. Ansonsten würde er, wie ich, rechts neben der Hündin laufen.

Hans-Reinhard Hupe wiederholt seinen Befehl: „Sarah, such den Weg.“ Anscheinend blickt sich die Hündin nach ihrem Herrchen um. Denn ich spüre ihren Kopf an meinem Bein. Zwischenzeitlich bleibt das Tier auch stehen. Für Sarah scheint die Situation auch nicht einfach. Schließlich führt sie seit anderthalb Jahren Hans-Reinhard Hupe. „Wir hatten damals zwei Wochen, um uns aneinander zu gewöhnen, dann musste ich eine Gespannprüfung ablegen.“ Diese sei notwendig, um als Gespann im Straßenverkehr erfolgreich zu bestehen.

„Bitte nicht streicheln. Ich arbeite.“

Nach einem kleinen Stück Weg machen wir kehrt. Hans-Reinhard Hupe gibt den entsprechenden Befehl. Instinktiv drehe ich mich rechts herum. Es ist richtig. Langsam schreiten wir zurück. Verlegen und unbeholfen greife ich mit meiner freien Hand nach der Hauswand. Ich suche eine Orientierung. Dabei schneide ich mir leicht oberflächlich in die Hand. An der Haustür angekommen, bleiben wir stehen. Ich bin erleichtert. Denn ich darf die Augenbinde abnehmen. Taghelles Licht knallt mir regelrecht in die Augen.

Ich stutze kurz, muss mich orientieren. Ich bedanke mich bei Hans-Reinhard Hupeund bei Sarah. Streichle die Hündin. Ihr Herrchen erklärt: „Wenn sie das Geschirr trägt, dann bitte nicht streicheln.“ Jetzt lese ich auch den Slogan: „Bitte nicht streicheln. Ich arbeite.“ Natürlich. Sofort lasse ich von ihr ab. Hans-Reinhard Hupenimmt ihr das Geschirr ab, so dass sich das Tier die verdienten Streicheleinheiten abholen kann. Natürlich am liebsten von ihrem Herrchen.

Fazit: Ein klassisches Fazit ziehe ich nicht. Ich habe mich dieser Herausforderung gestellt und die Schwierigkeiten am eigenen Leib erfahren. Ich kann und möchte mir nicht anmaßen, über das Leben ohne Augenlicht zu urteilen.

Thüringer Allgemeine vom 24.08.2017